Im Kreislauf der Erdbeere

Kurzgeschichte zum Thema „Privat“, 2019

Schritt für Schritt geht Nora die Straße Richtung Karlsplatz entlang. Sie setzt einen Fuß vor den anderen, bemüht bei sich zu bleiben. Einatmen. Ausatmen. Im Moment bleiben. Den Boden unter den Füßen spüren. Das hat ihr auch die Therapeutin geraten, zu deren Stunden sie zwar immer gerne geht, die ihr aber irgendwie auch nicht wirklich weiterhelfen kann. Langsam steigt ihr diese destruktive Energie in den Kopf. „Erdbeerenergie“ nennt sie diese unzähmbare Kraft, seitdem sie in Podcasts von spirituell angehauchten Coachingdamen davon gehört hat, wie toll es doch ist, wenn frau die unterschiedlichen Energien des weiblichen Zyklus für sich zu nutzen weiß: „Jede Phase hat ihre eigenen Qualitäten“.

„Tja, genau! Ob das Alex jetzt auch so sieht, wenn ich vor ihm dahinstampfe?“ kommt es ihr in den Sinn. Es ist kurz vor Mitternacht. Er spricht mit ihr, will das Missverständnis aufklären, will sie verstehen und redet auf sie ein, aber Nora hört das nicht mehr richtig. Sie kann es nicht mehr zur Gänze wahrnehmen. Es ist als wäre sie eingehüllt in eine leicht entzündliche Hülle, die auch den Schall dämpft. Sie muss sich in diesem Moment auf sich selbst konzentrieren. Um nicht zu explodieren. Aber sie merkt, dass es schon zu spät ist. Die Zündschnur ist schon entflammt, es gibt kein Entrinnen mehr. Wie nun diese Energie ableiten? Das Blitzen und Hämmern im Kopf ist mittlerweile unerträglich. Überall nur mehr Pochen. Es soll endlich aufhören.

Die Bierflasche in der Hand. Die kann helfen. Die Finger klammern sich um den Flaschenhals, Nora hält sie im Würgegriff. Und sie holt aus. Der Arm nach hinten und währenddessen ein Ziel auswählen. Was ist das Geeignetste? Wo kracht es am Meisten? Nora könnte sie ans Dach der Würstelbude hauen. Aber das wäre den anderen Würstelgästen gegenüber unfair. Die Häuserwand rechts von der Straße, das ist es. Ideal, da ist auch kein Fenster. Kein Sachschaden, nur eine kleine Verunreinigung. Sie kommt mit der Würgehand in Schwung und am Zenit der Bewegung lässt sie den Hals der kleinen Flasche los. KrachBumsGläschKlirr!

Yes! High Five! Das ist es! Diesmal kann sie ihr sozial inkompatibles Verhalten auch locker als Suffaktion einstufen lassen. In diesem Setting braucht es keine Rechtfertigungen. Anders als bei Familienfeiern, wo sie sich schwer tut die depressive Laune zu verstecken. Wo sie nicht genau weiß, was sie antworten soll, wenn sie gefragt wird, wie es ihr denn gehe? „Leider Scheiße? Weil ich leider vor der Periode depressiv und aggressiv bin? … Hmm…“ Nora ist gerne direkt, aber sie will ihre Schwiegerfamilie nicht vor den Kopf stoßen, die können wahrlich nichts dafür. Und so eine Auskunft ist wirklich zu privat für die traute Geburtstagsfeier des Großvaters. Über sowas spricht man nicht.

Ein Rest von Ratio herrscht in Nora letztlich doch noch und sie entspannt den Arm, der den ganzen Weg entlang an ihrer Seite hin und her baumelte und lässt die verkrampften Finger locker. Ein zartes Bums. Inkognito im Lärm der jaulenden Masse fällt die Flasche zu Boden. Zerbricht. Die gelblich schäumende Flüssigkeit bahnt sich ein Rinnsal Richtung Karlsplatz. Dort beginnen nun auch gerade die Kirchenglocken zu läuten. Die Raketen fliegen in die Luft. Das neue Jahr hat begonnen.

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