Prothesengötter

Franz West, Bruno Gironcoli und Samuel Beckett im Kreislauf künstlerischer Wiedergeburten.

Wissenschaftsessay, 2019

Am Anfang war die Neurose. Bei Franz West zumindest. Intensiv hat er sich mit Freud auseinandergesetzt und viele seiner psychologischen Theorien haben Wests Gedanken und künstlerisches Schaffen beeinflusst. „Psyche“, „Neurosa“, „Das Ich und das Es“ heißen Kunstwerke, aber nicht bei allen ist der Einfluss so immanent. Während dem Straßenbahnfahren ins Atelier las er ein bisschen Freud, meinte West in diversen Interviews, nur die halbe Stunde hin und die halbe Stunde retour. Aber viele Versatzstücke in seinem Schaffen zeugen davon, dass er sich tief berühren ließ.

Eine Neurose ist eine leichtgradige psychische Störung, die durch einen Konflikt verursacht wird, meint Wikipedia. Weiters steht dort, dass ein Neurotiker seine Probleme erkenne – im Gegensatz zum Psychotiker, dem die Ursache seiner Störung nicht auffindbar ist. Die Neurose ist eine erlernte Fehlanpassung. West schuf Skulpturen, die nach eigenen Worten ausgeformte Neurosen darstellen sollen. Es handelt sich um weiße Gebilde aus Papiermaché, Gips und diversen Gegenständen, oft überzogen und zusammengehalten mit Gaze. Der eigene Körper und die fremde Skulptur sollen einander näherkommen, sich aneinander anpassen, erst dann ist Skulptur – die in Folge Passstück heißt – vollendet. West gibt der körperlichen Neurose einen eigenen Körper und irgendwie hat man den Eindruck als überwindet er damit die Problematik. Diese ausgeformte Neurose ist eine Prothese in weiß.

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